Freitag, 28. Oktober 2011

Inspirationen

Woher kommen eigentlich die Themen, die ich hier aufgreife?

Das wurde ich unlängst gefragt. Ich gebe zu, dass ich im ersten Moment von dieser Frage überrascht war. Wenn man den Blog liest, weiß man doch woher die meisten meiner Themen kommen, oder? Aus meinem Alltag.

Heute Morgen habe ich mit mir gerungen. Was schreibe ich? Schreibe ich über Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung, über deren Kolumne in der Berliner Zeitung ich mich fast jedesmal aufregen könnte? Oder schreibe ich über eine interessante hessische Diktat-Initiative, die mich gestern Abend noch am Rechner fesselte? Schreibe ich heute über die Euro-Rettung (gähn) oder was soll ich zu meinem Thema machen?

Natürlich. Meinen Alltag. Was sonst.

Ich war gestern mit Kind beim Augenarzt. Wenn es eine Rangliste für Wartezeiten gäbe, dann ist die Wartezeit beim Augenarzt sicherlich ganz oben.
Es gibt Unterschiede in der Wahrnehmung von Wartezeiten: mit Kind sind Wartezeiten beim Arzt immer doppelt so lange. Für die Kinder selbst kann man diese gefühlte Wartezeiten-Verdopplung nochmal mit zwei multiplizieren....

Das Wartezimmer war knallvoll. Mein Sohn musste auf meinem Schoß sitzen, weil kein Platz mehr frei war. Neben uns saß eine alte Frau, eine Türkin, die ständig den zappelnden Füßen meines Kindes ausweichen musste. Wir kamen ins Gespräch. Das heißt, mein Sohn kam ins Gespräch. Die Frau fragte, ob er schon in die Schule geht. Und mein Kind erzählte.
In Ermangelung von Zeitungen, anderer interessanter Menschen und Gesprächsthemen hatten wir bald ein dankbares Publikum unter den Wartenden. Mein Sohn erzählte. Laut und deutlich. In welche Schule er geht. Wer seine Schulkameraden sind. Mit wem er spielt, und mit wem nicht. Was er an Hausaufgaben hat. Wie er sie macht, und wann.

Die Zeit schritt voran und ich hoffte noch, dass es bald ein Ende haben würde. Die Wartezeit, und der Redefluss meines Kindes.
Die türkische Frau unterhielt sich weiter mit meinem Sohn und plötzlich waren die Themen von der Schule in die private Ebene gerutscht. Mein Kind plauderte die Familien-Interna aus: Wie der Opa und die Oma heißen. Wo sie wohnen. Wie die Mama und der Papa heißen. Und dass die Mama mehr als nur einen Namen hat. Und welche das sind! Wie alt Mama und Papa sind. Die anderen Wartenden nahmen jede Information mit interessierter Anteilnahme auf.

Als mein Sohn die Information preisgab, dass Opa W. und Oma H. sich geschieden haben, und dass Opa W. dann nochmal geheiratet haben, und zwar die B.!, blieb mir nur noch resigniert die Schultern hochzuziehen und dem Publikum zuzuseufzen: "Falls sie das noch nicht wussten..."

Die Erlösung war der Aufruf ins Behandlungszimmer. Ich hatte es herbeigesehnt...

Bis dahin, liebe Grüße, Sia

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