Mittwoch, 30. November 2011

Bergwandern

Ich gehöre zu der Fraktion der begeisterten Bergwanderer.

In den 90igern haben mein Mann und ich damit begonnen. Zuerst war es noch mit sehr mangelnder Ausstattung (Turnschuhe und Shopper-Tasche). Oft sind wir in Schottland gewandert- wer Schottland kennt, weiß, dass Turnschuhe nicht die geeignete Wahl sind. Insbesondere nicht bei gutem schottischen Wetter - das heißt, der Regen kommt leicht von oben und nicht quer...
Ich kann mich gut an mein erstes Paar Wanderschuhe erinnern. Sie hatten ihren ersten Einsatz tatsächlich in Schottland und ich war so begeistert von dem Laufgefühl und der Trittsicherheit, die sich mit diesen Schuhen einstellte, dass ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen konnte, mit anderen Schuhen zu laufen. Unsere Ausrüstung hat sich seither erheblich professionalisiert. Wir haben mittlerweile viele Wander-Urlaube gemacht und uns begeistert einige Berge in verschiedenen Ländern erwandert. Schweißgebadet und fluchend habe ich mich auf so manchen Hubbel gequält.

Ja, gequält.
Es braucht Kondition, es geht ja bergauf. Meistens jedenfalls. Wir haben mal die Nagelfluhkette gewandert, eine 6-Gipfel-Tour vom Hochgrat (Oberstaufen) bis zum Mittag (Immenstadt). Da geht es rauf und wieder runter und wieder rauf und wieder ... Eine Anforderung an die Kondition, die nicht von schlechten Eltern ist. Diese Tour werde ich aus verschiedenen Gründen nie vergessen: einmal war es tatsächlich eine schöne Wanderung. Dann war sie sehr, sehr anstrengend. Und vor allem: während ich an einem der Berge gequält Pause machen musste, zog ein altes Ehepaar lässig an mir vorbei. Und ich habe sie auch nicht mehr eingeholt. Der Trost war mager: wahlweise habe ich mir eingeredet, die beiden Alten machen bestimmt nur den einen Berg, oder aber, wenn ich mal so alt bin, dann kann ich die Jungen auch noch so abziehen. (Beides Humbug :-))

Wenn jemand keine Begeisterung für das Bergwandern aufbringen kann, ist es schwer, ihm zu erklären, was "am Berg" mit einem passiert. Es ist ähnlich wie beim joggen. Wenn man den richtigen Rhythmus hat, dann bringt die Gleichförmigkeit des Laufens (Wanderns) die Gedanken in den Fluss. Wenn die Gedanken fließen, dann kann man die körperliche Belastung spüren, aber sie "belastet" einen nicht. Man quält sich mitunter, aber das quälen ist Bestandteil dieses inneren "Reinigungsprozesses".
Sowohl mein Mann als auch ich hatten Jobs, in denen wir unendlich viel reden mussten. Und wir haben die Stille am Berg genossen. Wir haben stark frequentierte Berge gemieden, also die, die man einfach mit der Seilbahn erreichen konnte. Das trennt die Spreu vom Weizen ganz gut.

Diese Wanderurlaube waren Kraftquellen für den Alltag. Und sie haben mich etwas spüren lassen, was ich zwar schon immer wusste, aber in der Tiefe seiner Bedeutung erst beim wandern tatsächlich erfahren habe:

Wenn man einen Berg vor sich hat, muss man in kleinen Schritten anfangen. Und dann kommt man, Schritt für Schritt, seinem Ziel näher.

Bis dahin, liebe Grüße, Sia