Donnerstag, 24. November 2011

Peinlichkeiten

Ich habe gestern die Vorschau eines Filmes gesehen: "Der Gott des Gemetzels".
Es geht um zwei Elternpaare, die sich über ihre Sprößlinge unterhalten müssen. Auslöser der Situation war ein Streit zwischen beiden Kindern, der damit endete, dass ein Kind dem anderen die Vorderzähne ausgeschlagen hat.

Jetzt begibt sich also Elternpaar A zu Elternpaar B, um die Situation zu klären. Zunächst scheint das auch zu gelingen, aber plötzlich eskaliert die Situation.

Warum ich dass erzähle? Weil ich heute Morgen über Kate Winslet gelesen habe. Sie muss sich in dem Film erbrechen und wurde gefragt, ob ihr das peinlich war - was sie damit beantwortete, dass ihr seid der Geburt ihrer Kinder nichts mehr peinlich ist.

Ich musste lachen, als ich das las. Das kann ich so gut nachvollziehen. Ich kann mich erinnern, dass ich früher immer dachte: Oh je. Das muss den Frauen sooo peinlich sein, wenn da alle im Kreißsaal zwischen ihren Beinen liegen und auf das Köpfchen des Kindes warten. Und wenn dann sogar noch der Darm nicht ganz leer ist ...

Da war ich wirklich naiv. Es gibt, glaube ich nichts, was einem unter der Geburt so scheißegal ist, wie die Menge der Menschen die da zugucken. Ob Männlein, Weiblein oder Hund - ich hab meinem Mann danach gesagt: "Du hättest hier ne Schulklasse durchschleusen können - es wäre mir völlig wurscht gewesen!"

Damit fängt der Verlust des Peinlichkeitsgefühl an.

Später habe ich in der Öffentlichkeit gestillt. Zwar ungern, weil ich diesen intimen Moment mit meinem Kind auch genießen wollte, aber der junge Mann wollte alle zwei Stunden an die Brust- da wird der Bewegungs-Radius schon sehr klein. Also habe ich es mir abgewöhnt, mich an den Blicken anderer zu stören.

Noch später musste ich mein Kind unterhalten, wenn knatschige Zeiten waren. Auch mit Gesang. Ich habe früher niemals freiwillig in der Öffentlichkeit gesungen (nicht mehr nach einer öffentlichen Gesangsdarbietung im Musikunterricht der Grundschule ...).
Aber was soll ich sagen. Völlig losgelöst von allen Peinlichkeitsgefühlen habe ich mein Kind in der Öffentlichkeit besungen. Laut. Wahrscheinlich auch schief.
Aber peinlich war es mir nicht.

Es geht noch schlimmer: ich habe zuhause keine Schlüssel an der Toilettentür. Damit sich der Knirps nicht versehentlich einschließt. "Zuhause" kenne ich das von vielen Eltern. Aber als ich noch mit Kinderwagen unterwegs war und die Beckenbodenmuskulatur noch nicht wieder vollständig erholt war, da musste ich auch unterwegs häufig auf die Toilette. Der Kinderwagen mit dem greinenden Kind passt leider nicht in die Kabine. Also blieb die Tür auf- was sollte ich auch sonst machen?
Schön, wenn man dann erlebt, wie eine Frau den Raum betritt und verständnisvoll feststellt: "Ich kenn das. Gell, wenn man Kinder hat, ist einem nichts mehr peinlich!"

Kinder fordern einen heraus. Immer wieder. Aber sie bringen einem auch Wesentliches bei:
Nichts ist so überflüssig wie ein überdimensioniertes Peinlichkeitsgefühl.

Bis dahin, liebe Grüße, Sia