Montag, 23. Januar 2012

Mein Mutterherz

jammerte heute morgen entsetzlich.

Das Päckchen, dass früh zu mir ins Bett gekrabbelt kam, war ganz warm, verschlafen und verschmust.

Vor längerer Zeit, als Schule bei uns ein Thema wurde, habe ich ihm erzählt, dass ich mir als Kind immer gewünscht habe, mit dem Bett in die Schule fahren zu können.
In den kalten Wintermorgen, in denen ich mich so früh aus dem Bett quälen musste, um als Fahrschülerin zur Schule zu kommen, habe ich die letzten Minuten im Bett ausgekostet und mir das himmlisch vorgestellt: Noch ein wenig liegen zu bleiben und dann, kurz vor Schulbeginn mit dem Bett losdüsen.
Die Wirklichkeit war anders:
Bis zum Bahnhof musste ich eine Viertelstunde laufen, das waren etwa 1,5 Kilometer. Dann musste ich mit dem Zug zwanzig Minuten bis zur Schule fahren und dann hatte ich nochmal zehn Minuten Fußweg. Im Winter war es grauenvoll. Überall kalt und zugig und man selbst noch so unendlich müde, aber mit der schweren Schultasche.
Ich kann mich so gut daran erinnern und das Mitleid hat mich übermannt, als ich meinen kleinen Schnuffel neben mir schnarchen hörte. Das hat mein Herz erweicht, und ich hab ihn in die Schule gefahren, obwohl es nicht regnet, die Temperaturen normal sind und es außer meinem Mitgefühl für ein müdes Kind keinen Grund gab.

Der Wunsch, mit dem "im Bett in die Schule fahren zu können" hat sich bei mir irgendwann gegeben. Der unbestreitbare Vorteil der späteren Jahre als Fahrschülerin war, dass man im Zug in relativer Ruhe Hausaufgaben abschreiben konnte. Noch für eine Klassenarbeit lernen konnte. Sich lebhaft mit den Freundinnen austauschen konnte. Oder aber die männlichen Objekte der Begierde beobachten konnte.
Das waren die Dinge, die wir als Fahrschüler den Ansässigen voraus hatten und um die kleinen Freiheiten, die wir hatten, wurden wir auch beneidet. Wir konnten durchaus mal einen Zug "verpassen", wenn es uns in den Kram passte... und der anbetungswürdige Knabe aus der Parallelklasse zufällig auch noch da im Bahnhof rumhing.
Und überhaupt, der Bahnhof! Er hatte den Hauch eines verrufenen Platzes. Es war schmutzig, es war laut und es gab eine Wartehalle, die immer voll war und nach Rauch stank. Der Bahnhof war der Treffpunkt der Schüler, der Mittelpunkt der kleinen Klatsch-und Tratschwelt und der Ausgangspunkt für unzählige Flirts.

Ach. Was hätte ich alles verpasst, wenn ich mit dem Bett in die Schule gefahren wäre!

Bis dahin, liebe Grüße, Sia