Sonntag, 27. Mai 2012

Leserbrief an die Berliner Zeitung

Ich habe einen Leserbrief geschrieben. Zum Artikel der Berliner Zeitung 


Ja, Recht hat sie,  die Frau Lewitscharoff. An einem Buch arbeiten unglaublich viele Menschen. Wer einmal ein Buch (selbst) gemacht hat, weiß, wie viel Arbeit in den einzelnen Produktionsschritten steckt und das man Fachkräfte braucht, um ein Buch herzustellen. Es gibt einen Grund, warum viele Indie-Autoren nach den Erfahrungen im Markt froh sind, wenn sich ein Verlag meldet – auch wenn die  Erträge schrumpfen. Ich schreibe und verlege in einem Miniverlag selbst. Ich weiß durchaus, wovon ich rede. Und ein Urheberrecht ist keinesfalls ein Recht, dass man zur Disposition stellen darf.
Warum nur ist mir dieser Artikel trotzdem so unangenehm aufgestossen?
Weil Frau Lewitscharoff den Eindruck hinterlässt, eine rechthaberische Frau zu sein, die auf einem hohen Ross sitzt.

Sie meint, dass die Haptik eines Buches die gelesenen Zeilen über den körperlichen Weg länger im Gehirn festhalten. Das Halten eines Buches und das Umblättern sind automatisierte Vorgänge, die im Hirn bei Bedarf abgerufen werden. Da werden keine neuen neuronalen Verbindungen geschaffen, die das umblättern eines Buches mit den soeben gelesenen Zeilen verknüpfen und daher der Inhalt des Gelesenen besser erinnert wird.
Ob Gelesenes gut erinnert wird, hängt vielmehr damit zusammen, ob und wie man es emotional mit seinen Erfahrungen und seinen Lebenswelten verbinden kann.
Sie unterschlägt in dem Zusammenhang auch, und das passt zu dem elitären Anschein, den dieses Interview bei mir hinterlässt, dass das Nutzen von E-Books für einen ganz erheblichen Teil der Menschen eine deutliche Erleichterung des Lesevorgangs ist. 
Menschen, deren Motorik eingeschränkt ist, die die Hand nicht nutzen können, um umzublättern,  oder die ein Buch nicht halten können und gleichzeitig umblättern können, denen ist mit den E-Book-Readern der selbständige Umgang mit Lesestoff deutlich erleichtert. Menschen, die sich nicht dem Kleinschrift-Diktat der Verlage beugen mögen, - die aus Kostengründen Schriftarten und Schriftgrößen in Büchern verwenden, für die man sie auf ewig in die Verbannung schicken sollte - diese Menschen können ihr Lesevergnügen ihren Wünschen anpassen, indem sie Schriftart und –größe nach eigenem Bedarf einstellen. Und unabhängig davon, ob es ganz viele Arbeitsplätze kosten kann – ja. Es ist deutlich billiger, ein E-Book herzustellen. Es ist eine Lüge, wenn man etwas anderes behauptet. Ob ein Verlag querfinanzieren muss, und daher seine E-Books anders kalkuliert (kalkulieren muss), ist eine ganz andere Baustelle.

Frau Lewitscharoff stellt darüberhinaus fest, dass allzeit verfügbares Wissen ein Popanz ist.  Aber frei verfügbares Wissen war ja für bestimmte Klassen schon immer „Teufelswerk“. Da könnte ja Hinz und Kunz kommen und mit am allmächtigen Wissens-Tisch sitzen ...

Schade eigentlich. Würde Frau Lewitscharoff die Gunst dieses verfügbaren Wissens auch nutzen, dann hätte sie z.B. wissen können, dass Programmierer keinesfalls „glänzend“ verdienen. Die IT-Welt hat sich deutlich gewandelt  und wird sich weiter stark verändern, weil immer mehr Programmierer in Billiglohnländern die Arbeit machen. Dass Programmierer oder andere Computerexperten grundsätzlich gut verdienen, ist vielleicht vor zwölf Jahren mal so gewesen – jetzt ist es so, wie in jedem anderen Job. Wer hochqualifiziert ist, kann gut verdienen.

So bleibt bei mir beim Lesen diesen Interviews ein komisches Gefühl zurück. 
Wie gut, dass es noch junge Leute gibt, die Facebook verachten. Diese jungen Leute sind natürlich (!) extrem klug.  

Das ist so beliebig.
Wir hauen mal auf Facebook.
Zack.
Wer klug ist, bewegt sich nicht in diesem Netzwerk.
Rums.
Da lohnt es sich die Ohren zu spitzen.
Jawoll.

Das klingt wie jemand, der sich nicht mit den neuen Dingen auseinandersetzen möchte. Das darf auch jeder nach seinem Belieben entscheiden.

Ich für meinen Teil finde es viel spannender, gesünder und nachhaltiger, mich mit den „neuen“ Dingen des Alltags zu befassen.  Diese Auseinandersetzung ist zuweilen anstrengend. Viel anstrengender, als Neuerungen diverser Art einfach als „nicht sinnvoll“ abzuqualifizieren  und abzulehnen. Die Integration von Lebenserfahrungen vergangener Jahre mit aktuellen und neuen Inhalten ist das, was neue neuronale Verbindungen schafft. Und letztlich auch dafür sorgt, dass man sich Gelesenes besser merken kann.


Sonnige Grüße aus dem Berliner Speckgürtel.
Sia Wolf