Dienstag, 14. August 2012

Organspende

Ich bin Organspenderin. Schon seit vielen Jahren trage ich diesen Ausweis in der Brieftasche mit mir herum. Gelegentlich erneuere ich meine Unterschrift darauf, damit nicht jemand anzweifelt, dass ich tatsächlich noch immer hinter dieser Entscheidung stehe, die ich erstmalig Anfang Zwanzig getroffen habe.

Vor drei Tagen habe ich mich bei der DKMS registrieren lassen, der Knochenmarkspenderdatei. Obwohl ich Angst vor Spritzen und Operationen jeglicher Art habe.

Auch mein Mann ist Organspender und im falls unserem Kind etwas zustossen sollte, haben wir auch für diesen Fall eine Organspende nicht ausgeschlossen. Ich empfinde es momentan als ungeheuer tröstlich, mir vorzustellen, dass im Todesfall einer meiner Liebsten ein oder zwei andere Menschen ein Teil meiner Angehörigen weiter im Leben herumtragen.
Es ist ein egoistischer Ansatz. Aber er würde trotzdem anderen helfen.

Den "Organspende-Skandal" halte ich persönlich für einen hochgekochten sommerlichen Presse-Auflauf. Ich stelle nicht in Frage, dass es möglicherweise einen oder mehrere kriminelle Ärzte gab, die finanzielle Vorteile aus den Operationen ziehen konnten. Das das nicht in Ordnung sein kann, steht außer Frage.
Aber was darüber hinaus skandaliert wird, nämlich die Tatsache, dass mehr und mehr Organe Klinik-intern vergeben werden, ist hanebüchen.
Diese Klinik-interne Organvergabe ist keine Vorgehensweise, die in erster Linie darauf abzielt, sich an den Patienten zu bereichern. Insofern ist das auch kein Skandal. Es sind Ärzte vor Ort, die die ihnen anvertrauten Patienten kennen. Und hoffen, ihnen auf diese Art und Weise helfen zu können. Natürlich ist es nicht korrekt, wenn ein Organ kränker deklariert wird. Aber dann stellen sich bitte mal vor, ihr Kind/Partner liegt in der Klinik und der/die Ärztin, die jeden Tag vorbei kommt, mit dem Kind/Partner scherzt, es untersucht und eine (wenn auch nur professionelle) Bindung eingeht, hat die Möglichkeit so zu handeln und tut es. Das ist kein Skandal. Das ist zutiefst menschlich, dass man den Menschen, die man vor Ort kennt und betreut, auch helfen möchte.

Der eigentliche Skandal ist vielmehr, dass es Deutschland nicht schafft, sich in anderen Ländern abzuschauen, wie man vorhandene Organe effektiv "organisieren" kann. Die Spanier haben ein System, bei dem die Intensivpatienten im Hinblick auf Spenden gescannt werden. Das mag dem Einen oder Anderen übel aufstossen. Ich halte es für einen sinnvollen Mechanismus.

Lassen Sie sich von so einem Presse-Sommertheater nicht davon abbringen, Organspender zu werden. Manchmal ist es nämlich nur ein sehr kurzer Weg vom Spender zum Empfänger.

Bis dahin, liebe Grüße, Sia