Sonntag, 12. August 2012

Rezension "Ewig dein" von Glattauer

Ich habe in den vergangenen Tagen das Hörbuch von Glattauers "Ewig dein" gehört. Andrea Sawatzkis Stimme hat mich durch das Buch geführt und ich mag ihre Art zu lesen sehr. So hatte ich auch keine Probleme, nach "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen", mir dieses völlig andere Buch anzuhören. Sog-artig hat mich Sawatzkis Stimme durch den Plot gelotst.
Wie es mir gegangen wäre, wenn ich das Buch gelesen hätte? Keine Ahnung. Ich hatte nun auch schon ein paar Vorab-Informationen, ich wusste, dass keine Liebesgeschichte auf mich wartet. Und ich war natürlich auch sehr kritisch (falls Sie nicht wissen warum: hier und hier können Sie nachlesen).

So. Und nun kenne ich das (Hör)Buch also und überlege, wie ich meinen Eindruck in Worte fasse. Liegt es daran, dass ich Psychiatrie kenne? Dass ich Therapie-Erfahrung (aus beiden Perspektiven) habe? Dass ich selber schreibe? Dass meine Protagonisten auch Hannes und Judith heißen? Dass meine Geschichte auch von Stalking handelt? Ich weiß es nicht wirklich. Aber das (Hör)Buch hinterlässt sehr gespaltene Gefühle in mir.

Zunächst einmal fand ich die Protagonistin Judith zu unentschieden. Ich hätte verstanden, wenn sie sich in ihr Schicksal ergibt. Immerhin hat sie die Begegnung schon von Anfang an eher "schicksalhaft" in Kauf genommen, denn mit Macht forciert. Ich hätte auch verstanden, wenn sie sich den Lästling mit dem Brotmesser vom Hals geschafft hätte.
Aber woher sie plötzlich die innere Kraft nehmen sollte, sich so gegen Hannes zu wehren, wie sie es letztlich tat,  hat sich mir nicht logisch erschlossen. Woher konnte sie diese plötzliche Entschiedenheit nehmen? In so einer Lebenssituation hat man keine Kraft für herausragende psychische Leistungen. Besonders dann nicht, wenn man schon einige Zeit unter schweren Psychopharmaka steht, die einen "vernebeln". Noch dazu, wenn man sich dabei nicht an die nachdrücklich empfohlene Dosis des Arztes hält. Das erschien mir nicht glaubhaft.
Außer Judith und ihrer Auszubildenden sind die weiteren Protagonisten eher blass gezeichnet. Es fällt mir sehr schwer, nachzuvollziehen, welchen Punkt Hannes in Judith berührt, dass sich eine derartige Angst in ihr aufbauen konnte. Wo ist der innere Haken bei Judith, den Hannes greifen konnte? Bislang war sie doch eine normale Frau? Denn die Bedrohung als solche, das Stalking durch Hannes, ist nicht konsequent genug aufgebaut. Echtes Stalking geht weit darüber hinaus, als das, was Hannes hier zeigt.

Es sind die Details, die mich massgeblich stören. Ein Psychiater, der sich ständig lieber über seine eigenen Belange und Interessen unterhält? Da hat jemand ein falsches Bild dieser Profession, scheint mir. Judith kann die Namen anderer Patienten lesen? Und die Psychiaterin gibt Auskunft über Diagnosen? Selbst wenn es noch Psychiatrien geben sollte, deren Patientendokumentationen sich nicht im Computer befinden sollten - Das Klinikpersonal achtet ziemlich genau darauf, dass Patientennamen und Diagnosen nicht öffentlich lesbar sind - auch nicht für Mitpatienten. Wie bringt Hannes seine Frauen, sein Familien - und Freunde Engagement und seinen Job zeitlich unter einen Hut?

Die Auflösung finde ich gerade zu unverschämt. Wie ist die Rettung Bella´s vonstatten gegangen? Warum hat die Schwiegermutter plötzlich Judith unterstützt? Warum hat sie geduldet, was ihrer Tochter geschieht? Und was sollte nun mit diesem Brief zum guten Schluss bewiesen werden? Das war mir zu platt. Zu einfach. Zu "jetzt muss ich aber zum Ende kommen". Da fehlen nach meiner Ansicht hundert Seiten, um das Ende logisch und nachvollziehbar ausklingen zu lassen. 

Ich bin dennoch nicht enttäuscht von dem Buch. 
Sagen wir so: die Messlatte meiner Erwartung war nicht sehr hoch. Und wie gesagt, Andrea Sawatzkis Stimme hat für mich einen Sog, dem ich nichts entgegen setzen mag. Ich schreibe eine Kritik auf Amazon. Wieviel Sterne ich vergebe? Keine Ahnung. Maximal drei.


Bis dahin, liebe Grüße, Sia