Mittwoch, 3. Oktober 2012

Deutsche Einheit

Ich freue mich. Nicht nur, weil wir einen Feiertag haben. Nein, ich freue mich jedes Jahr wieder über die deutsche Wiedervereinigung.

Der erste "freie" Trabbi ist mir damals im Raum Gießen begegnet. Der junge Mann, der drin saß hatte ne Panne. Das Hilfsangebot meines damaligen Freundes und mir hat er abgelehnt. Vermutlich zu Recht; was hatten wir ollen Wessies schon für eine Ahnung von Trabbis?  Gar keine. Also sind wir ohne den jungen Mann nach Hause gefahren.
Die Wendezeit habe ich gespannt und ängstlich verfolgt. Tiefes Vertrauen in die West/Ostdeutsche und internationale Politik, dass das Projekt gelingt, hatte ich nicht. Um so erfreuter war ich danach. Doch, der gelungene Umbruch hat mich gefreut. Und das bezahlen des Soli´s (den die Ostdeutschen übrigens immer mitbezahlt haben), der so viele Westdeutsche geärgert hat - das hat mir nichts ausgemacht. Ich wollte mich beteiligen an der gemeinsamen Zukunft.
Geärgert habe ich mich eher über viele westdeutsche Firmen. Jahrelang haben sie im Grenzland die "Zonenrandgebietsförderung" eingesackt. Als die Grenze aufging, haben sie an bestehenden Firmenstandorten im Westen die Schotten dicht gemacht, um zehn Kilometer weiter in das Grenzland der ehemaligen DDR zu ziehen und dort erneut Förderung zu beziehen. Diesmal dann für die Wirtschaftsförderung der neuen Bundesländer.

Als Jugendliche war ich immer froh, im westdeutschen Teil aufzuwachsen. Die räumliche Freiheit, der mögliche Konsum und die persönliche Entfaltungsmöglichkeiten - das war mir wichtig. Und die Vorstellung, im Osten zu leben war mir ein Graus. Ohne genau zu wissen, wie es denn im Osten ist. Wir hatten keine wirkliche Verwandtschaft dort. Nur Bekannte. Einen zugewanderten "Onkel", der uns jedes Jahr für vier Wochen besuchte und unserer Familie mit Handwerkerleistungen unterstützte. Seine Erzählungen reichten nicht aus, um sich über den Mangel an Konsumgütern hinaus ein Bild von der DDR zu machen. Aber vielleicht wollte ich das damals auch nicht.

Ich hätte ohne die Wiedervereinigung leben können, natürlich. Aber ich war froh, dass diese Grenze gefallen ist. Auch ein kleines Jugendbuch über drei junge Menschen, die entlang der (ostdeutschen) Ostseeküste eine Fahrradtour machen, hat meinen Wiedervereinigungswunsch beeinflusst. Als ich das Buch ausgelesen hatte, war ich traurig. All diese Landschaften, die dort beschrieben wurden, die Küste, die Städte - all das würde ich nie zu sehen bekommen, als Wessie. Mittlerweile war ich dort. Auf dem Darß und auf Rügen.
Und ich wohne dort, wo früher Sperrgebiet war. Ich habe Freunde, die haben eine DDR-Sozialisation. Ist das wichtig? War es mir noch nie. Wenn man Menschen kennenlernt und sympathisch findet, dann ist Herkunft immer sekundär.
Nun, nach vielen Jahren gemeinsamen Lebens in einem wiedervereinten Deutschland gibt es aber hin und wieder noch Punkte, an denen das Aufwachsen in verschiedenen Welten offenbar wird:
Wie spricht man "Halorenkugeln" aus? "Fit"? Kenn ich nicht, was ist das?

Gestern Abend gabs bei mir Zwiebelkuchen und Wein. Zum reinfeiern. Weil der 3.Oktober ein Feiertag ist, und es schön ist, dass es diesen Tag gibt.

Bis dahin, liebe Grüße, Sia