Dienstag, 13. November 2012

Seit einer Woche

hadere ich mit mir, ob ich dieses Thema in meinem Blog aufgreifen soll, oder nicht. Gerade, beim aufhängen der Wäsche, ging es mir wieder durch den Kopf. Und sofort wurde mir wieder schlecht. So schlecht, wie mir letzte Woche beim Frühstücken wurde. Gemäß meiner Erfahrung, das ich solche Dinge nur los werde, wenn ich sie thematisiere, erzähle ich Ihnen, um was es geht:

Ich las in der letzten Woche die Tageszeitung (Berliner Zeitung). An einem Morgen gab es zwei große Artikel. Beide über Missbrauch von Kindern. Und mir wurde so schlecht, dass mir das gerade gegessene Brötchen wieder hoch kam. Ausgelöst wurde die Übelkeit durch einen Satz, den ein Beschuldigter von sich gab: 
"Ich dachte, die mögen das."
Ein paar Seiten weiter der Artikel über ein Kinderbordell und eine Frau, die dort als 15jährige zur Prostitution gezwungen wurde und nun unter (Verleumdungs) Anklage steht, weil sie (und eine weitere Zeugin) Justizangestellte als angebliche Freier identifiziert hat. Meine Interpretation dieses Artikels ist: da hält jemand schützend die Hand über diese Männer. Aber das ist meine Einschätzung, die sicher durch meine persönlichen Erfahrungswerte genährt wird: das für Justiziarkollegen nicht sein kann, was nicht sein darf. Und Richter und Anwälte als Vertreter rechtstaatlicher Ordnung und als moralische Instanzen tun so etwas ja nicht. Oder?!

Und in mir kam alles wieder hoch. Das, was mir als Kind nicht nur einmal passiert ist, sondern häufig. Im Zug. Beim Schaufensterbummel. Auf dem Weg zur Freundin. Selbst durch Handwerker, die im Elternhaus zu tun hatten. Die sexuelle Belästigung durch "alte" Männer. Die Männer waren sicherlich nicht wirklich "alt". Bestimmt jünger als vierzig Jahre. Aber aus meiner damaligen Sicht waren sie uralt. Und ich mochte es nicht, wenn sie mir ihre dreckigen Geschichten erzählt haben. Und ich mochte es nicht, wenn sie versuchten, mich anzufassen. Und ich mochte es nicht, wenn sie sich in den Schritt fasten. 
Ich habe die Blicke gehasst, die mich veranlassten, die Straßenseite zu wechseln. Ich habe die Angst gehasst, die ich hatte, weil mir wieder so ein Schwein im Zug die miesen Fotos gezeigt hat. Und die Hilflosigkeit, die mich überfallen hat, weil ich mich nicht wehren konnte, habe ich gehasst. 
Diese Schuldgefühle.
Noch heute kann ich nicht allein ins Kino gehen. Das verdanke ich der Drecksau, die während des ersten Kinobesuch meines Lebens neben mir saß.

"Ich dachte, die mögen das."

Nein. Sie hassen es. Es ekelt sie an. Sie haben Angst vor solchen Typen und ihren fiesen Fingern. Ihnen bricht der Angstschweiß aus, wenn sie versuchen, sich gegen übermächtige Körper zu wehren und ihnen die Kraft dazu fehlt. Und sie brauchen Jahrzehnte, um darüber hinwegzukommen. Wenn sie es überhaupt schaffen, weil es manchmal nur einen gelesenen Satz braucht, um wieder das Entsetzen und die Angst eines kleinen Mädchens im Kinosessel zu fühlen.

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