Dienstag, 4. Dezember 2012

Ich komme noch immer nicht drüber weg

dass Frau Gercke so tief gefallen ist. Zwischen dem ganzen Jubel und dem Absturz liegen noch nicht einmal zwölf Monate.

Wissen Sie, warum es mich so beschäftigt?
Ich habe Rheingau - Roulette am 3. Januar 2011 bei Amazon veröffentlicht. Nach ungefähr drei Jahren Arbeit an dieser Geschichte. Inclusive diversen Änderungen, Schreibblockaden, hysterischen Anfällen und was alles noch an Kleinkram im Alltag einer Mutter passieren kann. Zu Beginn der Schreiberei war ich auch noch mit dreißig Stunden außer Haus tätig und war nur noch im Zeit-Stress. 
Als mein Buch endlich bei Amazon erschienen war, ich kann mich noch gut an meinen aufgeregten Finger erinnern, der auf den Button "veröffentlichen" klickte (nachdem ich vorher bestätigt hatte, dass ich die Rechte an diesem Buch besitze, nur mal so nebenbei ...), da war ich sehr gespannt auf die weitere Entwicklung. Es gibt Dinge, mit denen rechnet man als "Selfpublisher" erstmal überhaupt nicht:
Einen Monat später nämlich wurde "Ewig dein", das Buch von Glattauer veröffentlicht, und ich war fertig mit der Welt. Seine Protagonisten hießen genauso wie meine! Sein Plot drehte sich um Liebe und Stalking, ebenso wie bei mir! 
Sie können sich nicht vorstellen, wie mir zumute war. Heilfroh war ich, dass mein Buch einen Monat vor Glattauers "Ewig Dein" herausgekommen war, und man mir somit keine Abschreiberei vorwerfen konnte. Mir wurde ganz schlecht bei dem Gedanken daran, dass ich da möglicherweise nur knapp an  einem solchen Vorwurf vorbei geschrammt war. Natürlich war da viel Hysterie bei.
Wer beide Bücher kennt, wird wissen, dass man Glattauers Buch und meins nicht vergleichen kann - meins ist besser ... :-) , aber für einen Indie, ohne einen großen Verlag im Rücken, können solche Abschreiberei - Vorwürfe sehr ernst sein, auch wenn sie sich bei genauerer Betrachtung als haltlos erweisen. Bei dem aktuellen Fall wird sich noch erweisen müssen, ob die Plagiatsvorwürfe gerechtfertigt sind. Das zu beurteilen steht mir nicht zu. Habe ich auch ganz ehrlich keine Lust zu.

Aber sicher auch aufgrund meiner Erfahrung lässt mich das Thema nicht los. Und wenn man im Internet recherchiert, dann begegnet einem so manches, was im gesamten Zusammenhang der Geschichte vom "Aufstieg und Fall der Frau G." interessant wird, z.B. erzählt sie in einem Interview, dass am 17.11.2012 auf diesem Blog hier veröffentlicht wurde, dass sie für das erste Buch fünf Monate, für das 2. Buch nur vier Monate gebraucht hat.

Ich verneige mich demütig in tiefem Respekt. Da muss man (als Anfänger) verdammt schnell schreiben können, wenn man ein Buch in so kurzer Zeit, trotz Familie und Job zusammenbekommt. Gut, "Holunderküschen" hat gut zweihundert Seiten weniger als mein Buch. Und okay, wenn man die Vorlage direkt neben sich liegen hat, geht es wohl auch etwas flotter ... Ebenso interessant finde ich den Umstand, dass Frau G. ja gar nicht so "Indie" ist, wie man allenthalben dachte. Immerhin hatte sie einen Literaturagenten im Rücken.

Aber dann, ruckzuck, kaum beginnen die Gerüchte, verlassen die Ratten das sinkende Schiff. War noch bis Mitte November die Welt für den Literaturagenten in Ordnung und wurde die strahlende Frau G. stolz auf der WebSite präsentiert (Sie müssen sich den Cache anzeigen lassen), ist dort jetzt nur ein mageres "Content not found" zu entdecken.
Ebenso wie auf vielen Bücherblogs, die die Bücher erst enthusiastisch belobigt haben, und die sich jetzt entrüsten und die Rezensionen aus ihrem Blog nehmen.
Gleichzeitig fühlt sich eine Indie-Autorin (der übrigens auch fragwürdige Ansätze bei ihren Texten vorgeworfen werden), sehr bemüßigt, auf jeder, wirklich fast jeder Seite, die sich mit dem Desaster um Frau Gercke befasst, ein schreiendes "Achtung- Plagiat!" zu hinterlassen. Ich habe gestern drei Seiten mit entsprechenden Verweisen auf Google angezeigt bekommen, die mir immer diesen gleichen schreienden Eintrag angezeigt haben. Nervig, die Dame.

Und ich sitze hier vor meinem Rechner und denke an die Frau und ihre Familie. Es tut mir leid, was die Frau jetzt erleben muss. Selbst wenn ich die eine oder anders Spitze in diesem Text hier losgelassen habe. 
Ich will nichts bagatellisieren, ich will nichts gutheißen, was nicht legitim ist. Aber es fällt mir unendlich schwer, mir vorzustellen und zu glauben, dass sie das bewusst getan hat.
Ich dachte bisher, wenn man etwas veröffentlicht, dann macht sich um rechtliche Belange Gedanken. Ich hatte mich beim Lesen damals schon über ihre Promi-dichte gewundert, und mich gefragt, ob sie alle diese Promis um Erlaubnis gebeten hat, sie in ihrem Buch "verwursten" zu dürfen. Das jemand namentlich auftaucht, mag ja noch mit normalen zu duldenden Öffentlichkeitsrechten gedeckt sein, aber als handelnde Person aufzutreten? Ihr Verständnis über das, was als Autor erlaubt ist oder auch nicht, scheint begrenzt zu sein. Auch im Bewusstsein dessen, was da noch auf einen warten könnte:

http://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__97.html
http://www.gesetze-im-internet.de/urhg/__106.html

Aber natürlich und trotz alledem frage ich mich, warum tut es mir für Frau Gercke so leid, und warum habe ich bei Herrn zu Guttenberg nicht einen Funken Mitleid aufbringen können? 
Wahrscheinlich fand ich es so märchenhaft, dass eine Frau aus normalen Verhältnissen den großen Verlagen den "Stinkefinger" zeigt und einen Mega-Bücherhit landet, während zu Guttenberg zur priveligierten Schnöselszene gehörte, deren Mitgliedern schon immer alles im Leben ein wenig leichter gemacht wurde.
Ganz ehrlich? Ich wäre auch gern das Jahr über eine "Martina Gercke" gewesen. Jetzt bin ich sehr froh, dass ich nur "Sia Wolf" bin.

Es grüßt sie herzlich, aber immer noch fassungslos, Ihre Sia

PS.: im KDP wird nur noch von "Kopierküsschen" gesprochen. Und "Blumenengel" hat dort mit Genehmigung von Herr Dresen, Justiziar von Random House, ein paar Textstellen veröffentlicht. Wohlgemerkt, nur aus den ersten hundert Seiten. 
Ich glaub, ich überlege mir das mit dem Mitleid nochmal! 

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