Dienstag, 11. Dezember 2012

Kann ich Chick lit?

Chick lit ist Hühnchen Literatur. Also Lesestoff für Frauen im pubertären Alter bis in die Twens. Wenn sich Thirty-somethings ausschließlich von Chick lit literarisch ernähren, sollten sie sich mal untersuchen lassen. Wobei hier die Betonung eindeutig auf "ausschließlich" liegt. 
Immerhin ist eine Portion Pommes dann und wann ja auch nicht zu verachten. Jeden Tag genossen, versaut es die Figur.

Nun also. Chick lit ist Mainstream. Das, was moderne Frauen lesen. Ich habe über neue Marketingstrategien nachgedacht und überlegt, ob ich nicht mein Publikum mit einer Shortstory anfüttern kann. Ich schreibe so ein bisschen vor mich hin, Sie kommentieren und wenn Ihnen gefällt, was Sie lesen, dann lesen Sie auch das, was ich schon als Buch veröffentlicht habe. Okay? 
Okay. Ich fange heute an und werde in loser Reihenfolge die Geschichte fortsetzen. Es gibt noch keinen Titel, ich nenne es daher 

"Chick lit - from Sia with Love" (Und Vorsicht: es ist nicht lektoriert ...)

Und jetzt viel Spass beim Lesen! Liebe Grüße, Sia


Typisch! Das war wieder mal typisch für sie. Einmal in der Woche trägt man High Heels, und dann so was!
Wütend zog sie den Schuh aus dem Rost, der direkt vor dem Schaufenster des kleinen Second-Hand-Ladens in den Boden eingelassen lag. Und das genau in dem Moment, indem auch noch die blödeste Verkäuferin, die dieser Laden je gesehen hatte, das Kleid, IHR Kleid aus dem Fenster nehmen musste, und sie dabei beobachten konnte, wie sie ihre ruinierten Schuhe aus diesem doofen Kellerrost zog. Fluchend rieb sie über die schadhafte Stelle ihres linken Absatz. Er war reif für den Schuhmacher. Dabei waren die Schuhe erst zwei Monate alt. Leise schimpfend quälte sie ihren linken Fuß wieder in den Schuh und sah auf. Im Schaufenster konnte sie eine flüchtige Bewegung erkennen. Es half nichts. Sie musste jetzt in diesen Laden und ihr Kleid retten. 
Das Glöckchen an der Tür bimmelte. Der kleine Verkaufsraum war mit Kleiderständern und Regalen vollgestellt. Es roch nach Vanille und es lief ein Radio, aus dem gerade die Nachrichten zur vollen Stunde erzählt wurden. An der linken Seite des Ladens war ein kleiner Kassenbereich eingerichtet. Daneben war die Wand mit einem hohen Spiegel versehen. Vor diesem Spiegel stand die Verkäuferin mit einer Kundin und präsentierte ihr das Kleid.
Oh nein. Bitte nicht! Lass diesen Kelch an mir vorüberziehen! Aber ihr inneres Flehen half nichts. Die beiden Frauen drehten sich zu ihr um und sahen sie an. Ein überraschtes quietschen drang an ihr Ohr: „Tatti Teufel? Bist du es? Ich glaubs ja nicht. Tatti!“
Sie hasste es. Es war schon schlimm genug, mit einem Vornamen wie Tatjana herumzulaufen, wenn man „Teufel“ mit Nachnamen hieß. Aber die Verniedlichung zu „Tattii“ war übelkeitserregend. Sie hatte es schon seit der achten Klasse in der Schule gehasst.
„Tatjana, bitte.“ Sie rang sich ein gequältes Lächeln ab. Die blondierte Frau vor ihr riss ihre riesigen blauen Augen auf. Daniela. Die schöne, grausame Daniela Wolckenbruch. Tatjana hatte sie schon in der Schule gehasst.
„Oh, entschuldige bitte, Tatti, ich war nur so überrascht. Wir haben uns ja eeeeeewig nicht gesehen.“
„Ja, ewig. Genau genommen seit der zehnten Klasse.“ Da war die schöne Daniela nämlich vom Gymnasium abgegangen. Sie hatte damals allen erzählt, sie würde Stewardess und dafür bräuchte sie kein Abitur. Aber eigentlich wussten alle, dass sie den Abiturstoff nicht packen würde, weil sie stinkend faul war. 
„Huch, so genau wollte ich es gar nicht wissen.“ Daniela winkte abweisend mit schmuckbehängten Händen. Ihre langen Fingernägel waren in einem schrillen Glitzerton modelliert. 
„Danielle, was ist denn nun mit dem Kleid?“ Die Verkäuferin hatte das Kleid vom Bügel genommen und hielt es Daniela vor die Brust. „Also wenn du mich fragst, meine Liebe, dann ist es etwas zu groß und zu wuchtig für dich. Das erdrückt dich!“
Tatjana stöhnte leise. Danielle! Schon damals hatte sich Daniela immer über ihren Namen beschwert. Neugierig fragte sie: „Hast du deinen Namen geändert?“
Danielle lächelte verträumt. „Ja. Ich nenne mich schon seit Jahren nur noch Danielle. Das passt besser zu meinem Nachnamen, weißt du.“
„Also für mich macht das zu „Wolckenbruch“ keinen Unterschied. Oder hast du auch einen anderen Nachnamen?“
Danielle nickte. „Ja, ich war verheiratet. Mein Mann hieß Beaupain. Und nach der Scheidung habe ich den Namen behalten. Der passt viel besser zu mir, als „Wolckenbruch.“
„Oh, war dein Mann Franzose?“  Geschieden war sie also. Hoffentlich würde diese dämliche Konversation bald ein Ende nehmen. Und hoffentlich würde Danielle der Verkäuferin Glauben schenken und das Kleid als „überfrachtet“ ablehnen.
„Nein, nein.“ Danielle betrachtete interessiert ihr Spiegelbild und inspizierte das Kleid genauer, dass ihr die Verkäuferin noch immer vor die Brust hielt. „Nein. Mein Ex-Mann kommt aus einer Familie mit Hugenotten unter den Vorfahren.“ Sie drehte sich zur Verkäuferin. „Also weißt du, Linabella, ich finde dieses Abendkleid nicht zu aufdringlich. Schließlich muss ich ja ein bisschen auffallen bei diesem Anlass, n´est pas? Was meinst du, Tatti? Findest du das Kleid erdrückt mich?“
„Tatjana, bitte.“  Tatjana betrachtete Danielle, die der Verkäuferin das Kleid aus der Hand genommen hatte, und es vor ihren Körper hielt, während sie sich vor dem großen Wandspiegel hin und her drehte.
Sie seufzte resigniert. Es wäre gelogen, wenn sie der Verkäuferin Recht geben würde. Wahrscheinlich wollte Linabella das Designerkleid selber haben und konnte es sich nur nicht leisten. Immerhin sollte dieser Traumfetzen noch fünfihundertfünfzig Euros kosten. Das war auch der Grund, warum sie selbst dieses Kleid noch nicht gekauft hatte, obwohl sie seit vier Wochen jeden Tag vor dem Schaufenster gestanden hatte. Die Augen groß wie Untertassen hatte sie sich die Nase am Fenster platt gedrückt. Ein echtes Maldevian-Abendkleid in ihrem Second-Hand-Shop! Unglaublich. Aber es hing da, wirklich und wahrhaftig. Es war ein Traum aus malvenfarbiger Spitze, unterlegt mit dunkelrotem Satin und mit einer unglaublich eleganten Schnittführung. Der edel geformte tiefe Ausschnitt würde jedes Dekolleté zu einem Hingucker machen, egal wieviel Brust man von hause aus mitbringen würde. Also auch ihre kleinen Hühnerbrüstchen, deren Größe ihr ein ständiger Dorn im Auge waren. Aber zu einer OP wollte sie sich nicht hinreißen lassen, dann lieber mit einem ordentlichen Pushup BH etwas Größe hinzuschummeln. Aber für den Ausschnitt dieses Kleides würde es nicht nötig sein. Sie würde darin aussehen, wie eine Prinzessin. Bestimmt. 
Sie sah zu Danielle, die sie erwartungsvoll anblickte. Nein, Danielle würde von diesem Kleid nicht erdrückt werden. Sie würde darin auch nicht wie eine Prinzessin wirken. Sie würde mit diesem Kleid wie eine Königin strahlen.
„Du solltest es anprobieren.“ Da war eine kleine, aber berechtigte Hoffnung. Danielle war eine Schönheit. Sie war schlank, war gut proportioniert und hatte traumhafte Beine, auf die Tatjana schon immer neidisch war. Aber Danielle war im Vergleich zu ihr stämmig. Sie hatte bestimmt zwei Kleidergrößen mehr als sie selbst, und das machte ihr Hoffnung. Vielleicht wäre das Kleid für Danielle zu klein. 
„Es ist in Größe 36“ mischte sich die Verkäuferin ein. „Das müsste dir doch passen, nicht wahr, Danielle?“
Das war böse geschmeichelt. Oder vielleicht auch keine Schmeichelei, sondern eher verbrämte Bösartigkeit. Danielles Blick wurde leicht gehetzt. Tatjana grinste. Sie konnte sich erinnern, ihre Konfektionsgröße war Daniela schon immer peinlich gewesen.
„Ich probiere es aus.“ Danielle verschwand mit dem Designerstück im hinteren Teil des Ladens. 
„Und, was kann ich für Sie tun? Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Der affektierte Blick von Linabella traf Tatjana. 
„Oh, ich wollte mich mal umschauen, ob es war Neues gibt.“ Tatjana wandte sich geschäftig an die umstehenden Ständer. Nun ja, ganz gelogen war das nicht. Sie brauchte ein Abendkleid zum Anziehen. Genau genommen brauchte sie ganz dringend ein Abendkleid. Das Fest ihres Chefs war in zwei Wochen. Bis dahin musste sie ein festliches Kleid haben. Ein sehr festliches Kleid.



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